Questions and Answers Fairtrail

Warum gibt es Fairtrail und weshalb setzt Graubünden auf Koexistenz statt Entflechtung?

Immer mehr Menschen nutzen die Freizeit-Langsamverkehrswege in Graubünden gleichzeitig. Das erhöht den Druck auf Infrastruktur, Natur und Landwirtschaft. Alternative Ansätze wie eine flächendeckende Trennung der Nutzergruppen oder zusätzliche Verbote sind weder realistisch noch verhältnismässig und würden neue Konflikte sowie zusätzlichen Landverbrauch verursachen.

Der Kanton Graubünden setzt deshalb bewusst auf die gemeinsame Nutzung der Langsamverkehrswege. Diese erfordert Rücksicht, Toleranz und einen verantwortungsvollen Umgang mit Natur und Raum. Ein faires Miteinander ist unter diesen Rahmenbedingungen die einzig sinnvolle Lösung – oder, wie Fairtrail es auf den Punkt bringt: «Isch jo logisch».

Was ist Fairtrail?

Als kantonale Kampagne fördert Fairtrail seit 2019 in Graubünden Respekt und Toleranz zwischen den Wegnutzenden sowie gegenüber Wald, Wild und Alpwirtschaft, damit das bestehende Wegnetz weiterhin gemeinsam genutzt werden kann. Das Prinzip der Koexistenz hat sich bewährt: Sensibilisierung wirkt nachhaltiger als Verbote.

Fairtrail setzt auf klare Botschaften, persönliche Begegnungen, regionale Massnahmen und vielfältige Kommunikationsmittel. Grundbedingung dafür ist die enge Zusammenarbeit zahlreicher kantonaler Ämter und zentraler Interessensorganisationen. Diese entwickeln im Hintergrund gemeinsam fachliche Grundlagen, stimmen Massnahmen ab und schaffen so die Voraussetzung dafür, dass die Kommunikation nach aussen wirksam wird.

Nach welchem Wirkungsverständnis arbeitet Fairtrail?

Fairtrail orientiert sich am See–Think–Do–Care-Ansatz. Die Kampagne schafft Aufmerksamkeit, fördert Verständnis und ermöglicht konkretes Handeln vor Ort. Ziel ist es, Beziehung und Verantwortung gegenüber Wegen, Natur und Mitmenschen aufzubauen und so Wirkung langfristig zu sichern.

Welche Ziele verfolgt die aktuelle Kampagne Fairtrail Graubünden 2024–2027 konkret?

Die Kampagne Fairtrail Graubünden 2024–2027 verfolgt drei zentrale Ziele. Fairtrail soll bei den relevanten Schlüsselorganisationen als Mehrwert anerkannt, strategisch verankert und als Qualitätssymbol etabliert werden. Gleichzeitig stärkt die Kampagne die Akzeptanz und das Verhalten der Wegnutzenden und beeinflusst deren Wahrnehmung nachhaltig. Darüber hinaus ist Fairtrail in Graubünden finanziell und organisatorisch abgesichert und positioniert sich als nationales Referenzmodell für Koexistenz.

Welche Rolle spielt die Innenwirkung bei Fairtrail?

Ein wesentliches Element von Fairtrail ist der Bündner Weg: die enge Zusammenarbeit der beteiligten Ämter und zentralen Interessensorganisationen. Diese Grundlagenarbeit bleibt nach aussen meist unsichtbar, ist aber entscheidend für die Wirkung der Kampagne.

Im gemeinsamen Austausch werden fachliche Grundlagen erarbeitet, Massnahmen abgestimmt und Mitarbeitende geschult. Darauf bauen sowohl die Kommunikation nach aussen als auch die regionalen Umsetzungen auf. Erst dieses Zusammenspiel ermöglicht es, Koexistenz konsistent, glaubwürdig und wirksam zu fördern.

Welche Rolle übernimmt Fairtrail – und welche nicht?

Fairtrail sensibilisiert, koordiniert und erarbeitet fachliche Grundlagen zur Koexistenz auf kantonaler Ebene. Die Kampagne schafft Orientierung, fördert Dialog und unterstützt Lösungen vor Ort. Fairtrail vollzieht keine Gesetze, spricht keine Sanktionen aus und ersetzt weder Planung noch Unterhalt oder Vollzug. Diese Aufgaben liegen bei den zuständigen Stellen.

Wie ist die gemeinsame Nutzung der Wege in Graubünden geregelt?

Die gemeinsame Nutzung der Wege in Graubünden ist keine Selbstverständlichkeit. Gesetzlich gibt es weder ein generelles Verbot noch eine grundsätzliche Erlaubnis für das Biken auf Wanderwegen. Umso wichtiger ist ein verantwortungsvoller Umgang. Der Kanton setzt deshalb auf Sensibilisierung statt auf Verbote, um die Koexistenz auf den Wegen zu sichern.

Welche Koexistenzprobleme gibt es?

Koexistenzprobleme entstehen dort, wo Rücksicht fehlt oder Regeln nicht bekannt sind. Dazu gehören offen gelassene Weidezäune, unachtsames Verhalten gegenüber Mutterkühen oder Herdenschutzhunden sowie Littering. Auch Freizeitaktivitäten in der Dämmerung belasten Wildtiere stark.

Hinzu kommt das Befahren illegaler oder gesperrter Wege. Dieses Verhalten führt zu Konflikten mit Naturschutz, Land- und Forstwirtschaft sowie Jagd und verschärft bestehende Spannungen.

Der gesellschaftliche Wandel verstärkt diese Herausforderungen. Immer mehr urbane Gäste bewegen sich mit wenig Erfahrung im alpinen Raum.

Was kann Sensibilisierung leisten – und wo liegen ihre Grenzen?

Sensibilisierung schafft Verständnis und Orientierung. Sie kann Verhalten positiv beeinflussen, wenn Menschen bereit sind zuzuhören und ihr Handeln zu reflektieren.

An Grenzen stösst Fairtrail dort, wo Regeln bewusst missachtet werden oder sich Einzelne nicht ansprechen lassen. Diese Gruppe erreicht man mit klassischer Kommunikation kaum. Zudem kann Sensibilisierung allein keine strukturellen oder rechtlichen Fragen lösen.

Fairtrail ersetzt weder Vollzug, Planung noch Unterhalt. Wo nötig, braucht es ergänzende Massnahmen vor Ort und die Zusammenarbeit mit den zuständigen Stellen. Fairtrail versteht sich als Teil dieses Gesamtsystems.

Welche Rolle spielen die Fairdinands?

Die Fairdinands sind die Botschafter von Fairtrail auf den Bündner Wegen. Sie sind präsent, suchen das Gespräch und sensibilisieren situativ und respektvoll. Gleichzeitig nehmen sie Rückmeldungen auf und spielen diese ins Projekt zurück. So verbinden sie Praxis und Weiterentwicklung.

Warum wird Fairtrail regional unterschiedlich umgesetzt?

Koexistenz ist immer ortsspezifisch. Nutzungsdruck, Akteure und Konfliktthemen unterscheiden sich je nach Region. Fairtrail stellt einen gemeinsamen Rahmen und fachliche Grundlagen bereit. Die konkreten Umsetzungen erfolgen regional angepasst und in Zusammenarbeit mit den lokalen Partnern.

Welche Wirkung zeigt Fairtrail in der Praxis?

Die gemeinsame Nutzung der Bündner Wander- und Bikewege funktioniert mehrheitlich respektvoll und konfliktarm. Das zeigen die kantonale Reklamationsanalyse, die Fairtrail-Nutzerbefragung, das Destinations-Debriefing sowie die Rückmeldungen aus den Fairdinand-Einsätzen und dem laufenden Austausch mit den Projektpartnern. Fairtrail leistet damit einen wichtigen Beitrag, damit das bestehende Wegnetz weiterhin gemeinsam genutzt werden kann.

Wie geht Fairtrail mit Kritik und Konflikten um?

Konflikte sind bei hohem Nutzungsdruck teilweise unvermeidlich. Fairtrail nimmt Kritik ernst, hört zu und ordnet sie ein. Ziel ist nicht Schuldzuweisung, sondern das gemeinsame Erarbeiten tragfähiger Lösungen im Dialog mit den betroffenen Akteuren.

Wie ist Fairtrail organisiert und finanziert?

Fairtrail ist eine kantonale Kampagne unter der Trägerschaft des Tiefbauamts Graubünden gemeinsam mit Graubünden Ferien und Wanderwege Graubünden. Die Organisation erfolgt in enger Zusammenarbeit mit den zuständigen Ämtern und zentralen Interessensorganisationen. Die Finanzierung ist für die Projektlaufzeit gesichert und erfolgt über NRP, weitere kantonale Mittel, ergänzt durch projektbezogene Beiträge und Leistungen der Partner.