Stephan Kaufmann ist Geschäftsführer von Wanderwege Graubünden. Diese Organisation setzt sich für die Interessen der Wandernden ein und sorgt dafür, dass die Bedürfnisse und Anliegen dieser Nutzungsgruppe Gehör finden. Seit Beginn des Projekts engagiert sich die Institution aktiv für die Fairtrail-Kampagne, die für ein respektvolles Miteinander auf den Wegen steht und das Bewusstsein für den richtigen Umgang mit Natur, Umwelt und Mitmenschen stärkt.
Die genaue Initialzündung kenne ich nicht, da ich erst 2019 zu WWGR gestossen bin. Sicher ist aber, dass das Thema Koexistenz bei uns schon lange eine Rolle spielt. Bereits 1994 gab es ein Schild mit der Botschaft: «Nebeneinander, nicht gegeneinander». Konflikte zwischen Wandernden und Biker*innen wurden in den Medien oft aufgebauscht, was den Handlungsbedarf zusätzlich verstärkte. Wir wollten nicht nur reaktiv reagieren, sondern aktiv einen Lösungsweg mitentwickeln.
Natürlich gibt es immer eine kleine Gruppe, die ihr Verhalten nicht ändern wird – das lässt sich nicht vermeiden. Aber die Mehrheit hat dazugelernt und verstanden, dass einfache Lösungen wie Verbote oder Entflechtung nicht der richtige Weg sind. Das Miteinander und das Verständnis für die unterschiedlichen Nutzungsgruppen haben sich deutlich verbessert. Gleichzeitig beobachten wir auch einen gesellschaftlichen Wandel: Viele sind heutzutage mit der Haltung unterwegs, «Ich habe bezahlt, also will ich meine Ruhe». Genau hier setzt Fairtrail an und fördert ein respektvolles Miteinander auf den Wegen. Insgesamt haben wir überwiegend positive Erfahrungen gemacht – die meisten Menschen verhalten sich rücksichtsvoll und die echten Konflikte sind eher die Ausnahme. Beschwerden nehmen wir natürlich ernst, aber wir müssen auch immer im Blick behalten, dass Einzelfälle nicht den Eindruck erwecken, es gäbe flächendeckend Probleme.
Für uns als Wanderwege Graubünden ist Fairtrail ein zentrales Thema, weil wir die Interessen der Wandernden vertreten, aber auch erkennen, dass wir alle gemeinsam an einer Herausforderung arbeiten müssen. Viele Menschen sind mittlerweile polysportiv unterwegs – heute wandern, morgen biken, übermorgen Trailrunning. Eine strikte Trennung dieser Gruppen macht aus unserer Sicht wenig Sinn. Verbote oder eine vollständige Entflechtung der verschiedenen Sportarten sind weder realistisch noch umweltfreundlich. Fairtrail zeigt, dass dieses Thema nicht nur uns, sondern viele Akteure wie Verwaltung und Politik betrifft und dass alle an einem Strang ziehen müssen.
Graubünden geht mit Fairtrail einen einzigartigen Weg und setzt sich so umfassend mit der Thematik auseinander, wie keine andere Region. Es ist ein wichtiger Schritt, um das Bewusstsein für ein respektvolles Miteinander auf den Wegen zu stärken und Lösungen zu finden, die für alle nutzbar sind – im Einklang mit der Natur und den verschiedenen Aktivitäten.
Ein Natur- und Bergerlebnis bedeutet für viele nicht nur Ruhe, sondern auch das Teilen der Schönheit der Landschaft mit anderen. Die eigenen Erwartungen spielen dabei eine grosse Rolle: Wer denkt, alleine unterwegs zu sein, könnte enttäuscht werden. Graubünden bietet mit rund 11’000 Kilometern Wanderwegen unglaublich viel Platz, aber natürlich sind die beliebten Hotspots gerade zur Hochsaison etwas belebter. Ein freundliches «Grüazi» und der Austausch mit anderen Wegnutzenden gehören für uns genauso zum Erlebnis wie die eindrückliche Aussicht. Wer Ruhe sucht, findet in Graubünden immer noch zahlreiche Alternativen abseits der viel besuchten Routen. Fairtrail fördert genau dieses respektvolle Miteinander und trägt so dazu bei, dass alle das Wandererlebnis in Graubünden auf die eigene, unvergessliche Art geniessen kann.
Eine der grössten Herausforderungen für die Zukunft von Fairtrail liegt darin, dass Sensibilisierung allein nicht ausreicht. Es braucht fundiertes Wissen über den alpinen Raum – praktische Anleitungen, Vorbilder und Erklärungen sind gefragt, anstatt einer Zeigefinger-Mentalität. Dabei bleibt die Herausforderung, dieses Wissen zu vermitteln, ohne den Zugang zu den Bergen unnötig zu beschränken.
Mit der Zunahme der Natursuchenden in den Bergen steigt auch das Konfliktpotenzial. Doch je mehr Menschen sich für ihre Umgebung interessieren und sensibilisiert sind, desto weniger Konflikte gibt es. Besonders die Generation Z ist oft spontaner und weniger vorbereitet, teilweise auch beeinflusst durch Social Media. Im Gegensatz dazu plant die ältere Generation oft akribischer und bereitet sich besser vor. Es zeigt sich, dass die Wahrnehmung von Konflikten häufig weniger mit den Nutzergruppen als vielmehr mit der Menge an Menschen zusammenhängt, die sich an einem bestimmten Ort aufhalten und die zunehmend weniger Affinität für den alpinen Raum besitzen.
Ein prägendes Erlebnis in der Ruinaulta veranschaulicht den Punkt: Trotz einer Hinweistafel, dass der Weg zu dieser Zeit den Wandernden gehöre, begegnete mir eine Gruppe von Biker*innen. Meine erste Reaktion war Unverständnis – ich war verärgert über die vermeintliche Regelverletzung. Doch die Situation verlief völlig rücksichtsvoll, niemand wurde behindert oder gefährdet. Ich erkannte, dass meine eigene Reaktion das eigentliche Problem war. Fazit: Weniger strenge Selbstjustiz, mehr Fokus auf das Positive.
Der Verein graubünden Trailrun ist kein klassischer Sportverein mit Trainingsangeboten, denn er kümmert sich vor allem um die Entwicklung des Trailrunnings im Kanton. Zu den knapp 100 Mitgliedern zählen Destinationen, Guides, Eventorganisatoren, Sportgeschäfte, Sportvereine genauso wie motivierte Einzelpersonen. Das Ziel des Vereins ist, Trailrunning als Naturerlebnis für jeden spürbar zu machen und die Community weiter zu stärken und auszubauen.
Trailrunner sind schnelle Wanderer mit guter, aber leichter Ausrüstung und auch sie nutzen die Wanderwege. Daher ist es wichtig, dass sie sich frühzeitig bemerkbar machen, um niemanden unnötig zu erschrecken. Eine Möglichkeit dafür ist der Einsatz der Trailbell, fixiert am Trailrucksack oder am eigens dafür hergestellten Hüftgurt. Der Verein partizipiert aktiv bei der Fairtrail-Kampagne und kommuniziert regelmässig die entsprechenden Inhalte mit.
Graubünden Ferien spielt als kantonale Marketingorganisation eine zentrale Rolle im Projekt Fairtrail und setzt sich für ein respektvolles Miteinander auf den Wegen ein. Mit einem 11’000 Kilometer umfassenden Wegnetz, davon 4’500 Kilometer markierte Bike-Routen, bietet Graubünden ideale Bedingungen für Aktivferien – sei es für Wandernde, Mountainbike-Fans und weiteren Outdoor-Enthusiasten. Dass das Bedürfnis nach naturnahen Erlebnissen gross ist, zeigt sich in den Zahlen: Laut Tourismus Monitor Schweiz 2023 ist Graubünden die Nummer 1 für Aktivferien in der Schweiz, und Sport Schweiz 2020 bestätigt, dass Wandern mit 56.9% die meist ausgeübte Sportart ist, während Mountainbiken (7.9%) sogar noch beliebter als Fussball (7.7%) ist.
Bereits vor 15 Jahren wurden in Graubünden wichtige Grundlagen geschaffen, um die Koexistenz aller Wegnutzenden zu fördern und ein gutes Miteinander zu ermöglichen. Das Prinzip ist einfach: Unsere Wege sind für alle offen – Platz gibt es genug, wenn man ihn macht. Respekt, Toleranz und gesunder Menschenverstand sind dabei die Schlüssel zu einem harmonischen Miteinander. Um diese Haltung zu bewahren und weiterzuentwickeln, wurde 2019 der Grundstein für Fairtrail Graubünden gelegt. Seitdem ist Graubünden Ferien als treibende Kraft im Bereich Kommunikation aktiv, um die Botschaften des Projekts weitreichend zu verbreiten.
Ein wichtiges Aushängeschild der Kampagne ist Nino Schurter, zehnfacher Mountainbike-Weltmeister und Olympiasieger, der seit mehreren Jahren als Fairtrail-Testimonial mitwirkt. In bisherigen Videos und Kampagnen-Visuals stand das Thema Begegnungen zwischen den verschiedenen Nutzungsgruppen im Fokus. Ab Sommer 2025 wird eine neue Video-Serie mit Nino Schurter veröffentlicht, in der er als Vorbild für das richtige Verhalten in den Bergen agiert – einerseits im Umgang mit Wegnutzenden, aber auch im Umgang mit der Umwelt.
Natürlich bringt ein Projekt wie Fairtrail auch Herausforderungen mit sich, da viele unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse unter einen Hut gebracht werden müssen. Doch der Einsatz lohnt sich: Ein respektvolles Miteinander auf Wanderwegen und Trails kommt allen zugute. Begegnungen in den Bergen sollen positiv in Erinnerung bleiben – denn wer gut gelaunt aus der Natur zurückkehrt, trägt diese Energie auch in den Alltag und seine zwischenmenschlichen Beziehungen weiter. Graubünden Ferien setzt sich mit voller Überzeugung dafür ein, dass Fairtrail auch in Zukunft ein Erfolgsprojekt bleibt.